Denkwerkstatt für Manager

Geschwill & Nieswandt

Story: Online selbst Lernen und der unwissende Lehrmeister aus dem 19. Jahrhundert

Wie gut Selbst Lernen schon früher funktioniert hat, berichtet das Buch Der unwissende Lehrmeister des früheren Foucault-Assistenten Jacques Rancière. Rancière erinnert an Jean Joseph Jacotot.

Jacotot stand zu Beginn des 19. Jahrhunderts vor dem Problem, Französisch an der Universität von Löwen unterrichten zu müssen – ohne Holländisch zu sprechen. Er hatte damals eine geniale Idee: Er gab der Lerngruppe die zweisprachige Ausgabe eines damals sehr populären Romans, mit dem Ziel, dass sich die Studenten dadurch selbst die Strukturen der französischen Sprache erarbeiten.

Die Studenten konnten am Ende sogar auf Französisch über den Text sprechen. Jacotot war von den Ergebnissen selbst überrascht und postulierte seine Universallehrmethode.

Der bis dahin wie in Stein gemeißelte Grundsatz der Pädagogik, dass der Lehrende mehr wissen müsse als der Lernende, sei grundlegend falsch. Das Gegenteil wäre für den Unterricht viel günstiger. Der scheinbar allwissende Dozent, Trainer oder Professor würde die Lernpotenziale der Schüler beeinflussen.

Die Ideen von Jacotot sind 200 Jahre alt. Da war vom umgekehrten Klassenraum noch lange nicht die Rede. Nachhaltigen Eindruck hinterlassen nicht die besserwissenden Lehrmeister, sondern fragende Dozenten, problemlösungsorientierte Professoren und lernbegleitende Trainer. Rancière spricht von der intellektuellen Emanzipation durch den Fragen stellenden Nichtwissenden. Kontinuierliche Suche und Neugierde sind wichtiger als die kluge Lösung auf alles Mögliche und das repetitive Abrufen von auf Halde gelerntem Wissen.

Davon sind wir bei der Auswahl unserer Dozenten in Aus- und Weiterbildung hierzulande noch weit entfernt. In Harvard beschäftigen sich Studenten eher mit Fallstudien als mit dem Wissenserwerb. In den USA wird es als wertvoller erachtet, komplexe Fragestellungen im Team zu lösen, als Wissen zu repetitieren. Was Manager in Unternehmen brauchen, ist Problemlösungskompetenz für neue Herausforderungen. Wenn keiner die Märkte und die Kunden von Morgen kennt, dann hat auch keiner die Antworten auf diese Herausforderungen.

„Bildet Euch! Giert nach Neuem! Mutet Euch das Nicht-Wissen zu! Feiert die Frage!“
Stephan A. Jansen

Von Dr. Roland Geschwill, Mai 2021